Sie sitzt in ihrem Rollstuhl hinter dem Einkaufscenter wie immer, als ich dazukomme und ihr, wie seit drei Tagen, einen Kaffee mitbringe. Die letzte Herbstsonne bemüht sich, das graue Pflaster des großen Parkplatzes zu verschönern, der unsere ‘Aussicht’ ist.
„Haben Sie es sich überlegt, ob Sie mir die Telefonnummer Ihrer Enkelin geben können?“, frage ich sie, während wir unseren heißen Kaffee schlürfen. „Ja, ich möchte sie Ihnen geben, unbedingt, aber ich verstehe immer noch nicht, warum sie nicht auf mich hört, ich habe sie doch gewarnt! Dauernd, immer wieder, seit 1 Woche schon!“ Sie schaut mich verzweifelt an, ihr Blick unterstreicht die dauernde Frage danach, warum die Enkelin nicht hören will. „Verstehen Sie denn das?!“ schiebt sie nochmal nach.
„Ja, ich denke schon, dass ich es verstehe: es ist Rosanne, die entscheidet, was sie hören und was sie glauben will, sie allein entscheidet darüber, ob das Kind abgetrieben wird oder nicht; sie behält die Deutungshoheit über das, was die Oma ihr sagt. Wenn Sie ihr im Gespräch darlegen, warum Sie selbst Ihre Abtreibung bereuen und zeitgleich ausführlich beschreiben, wie sehr ein Kind das Leben verändert, weil es die gesamte Aufmerksamkeit fordert, dann werden Rosannes Ohren nur Letzteres hören wollen und sie wird natürlich den Abtreibungstermin nicht absagen.“
Sie schüttelt verständnislos den Kopf: „Ja, aber ich kann ihr ja nicht nur die schönen Seiten vom Kinderkriegen erzählen, sie muss ja schon wissen, was auf sie zukommt!“ weiter »